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Kasparov, G. - Kramnik, V.
Botvinnik Mem Match (Moscow RUS), 02.12.2001

Runde 2 [Christian Gabriel]


1.e4 c5 Alle Zuschauer, die in Erwartung der Zerstörung der Berliner Mauer dieses Match verfolgen, müssen sich noch eine Weile gedulden. Kramnik hat aber öfters die Sizilianische Verteidigung gewählt - auch schon gegen Kasparov.
2.Sf3 e6 Keine wirkliche Ueberraschung, denn Kramnik hat dieses Abspiel schon einige Male angewandt (Leko und Almasi 2000) Häufiger trifft man jedoch auf den Zug 2....-Sc6.
3.d4 cxd4 4.Sxd4 a6 5.c4 Bisher durfte Kramnik nur gegen die Hauptvariante 5.Ld3 antreten. Kasparov seinerseits kennt die Stellung ganz gut (keine wirklich neue Erkenntnis!) Seine Partie als Schwarzer gegen Ehlvest 1991 stand im Altensteiger Schachgymnasium auf dem Programm.
5...Sf6 6.Sc3 Dc7 7.a3 Solange kein Bauer auf d6 steht, muss Weiss den Läuferausfall nach b4 in Betracht ziehen. Der Zug ist nützlich, denn Weiß plant später eine Ausbreitung am Damenflügel mitels b2-b4.
7...d6 8.Le3 b6 Jetzt ist auch klar wohin die Reise geht - Kramnik wählt den Igel Aufbau. Eine erstaunlich mutige Entscheidung gegen Kasparov (immerhin bleiben viele Figuren auf dem Brett) Möglicherweise hat Kramnik in der Zeit auf dem Thron Mut getankt.....Es wäre zu begrüssen, denn im komplizierten Geplänkel muss er sich keinesfalls verstecken!
9.Tc1 Sbd7 10.Le2 Lb7 11.f3 Le7 12.O-O O-O 13.Kh1 Der Vorteil dieser Eröffnung liegt darin, dass man die Anfangszüge recht schnell ausführen kann - danach beginnt aber das Kopfzerbrechen! Schwarz wartet ab, während Weiß sich um einen Durchbruch bemüht - und es kommen viele Möglichkeiten in Betracht.
13...Tac8 14.b4 Db8 15.Dd2 Ld8 Kasparov rügte diesen Zug anschliessend - allerdings ist dieser Zug ausgesprochen stellungstypisch. Auch "Vorgänger im Amt" (wie z.B Fischer) wählten dies Idee. Der Läufer auf c7 schielt in Richtung des weissen Königs (d6-d5 und Lh2) und erfüllt auf c7 noch zusätzliche Funktionen (Deckung des Bd6)....
16.Tc2 Seit den Lektionen von Dvoretzky vestehe ich diesen Zug - Weiß möchte die Türme in der b und c-Linie aufstellen. Wenn Weiß den Turm direkt auf b1 stellt, entgeht ihm die c-Linie. Deshalb folgt Tc1-c2 und Tf1-b1 (der Turm macht Platz) Zusätzlich versteckt sich die Dame auf c1 sehrgünstig!
16...Te8 17.Sa4 Natürlich möchte Kasparov nicht den Bb6 angreifen - das wäre nicht besonders erfolgsversprechend (insbesondere nach dem Manöver Le7-d8) Das ist der Auftakt zu feinen Manövern.....der Springer strebt nachd3!
17...Lc7 18.Lg1 Vorbeugung.
18...Tcd8 Eines der Probleme der schwarzen Stellung - was tun? Einer der möglichen aktiven Pläne (neben der Figurenoptimierung) ist ein Angriffsversuch am Königsflügel (z.B Kh8, Tg8, g5 etc.)
19.Tb1 La8 20.Dc1 h6 21.Sb2 Sf8 Der Aufbau e4-f3-g2 schafft üblicherweise kleine Schwächen - der schwarze Springer strebt nach f4.
22.Sd3 Sg6 23.a4 Weiß hat bereits durch seine vorhergenden Manöver klar gemacht, dass er ein Spiel am Damenflügel in Betracht zieht - da die Figuren optimal stehen, wird dieses nun in Angriff genommen. Schwarz wiederum ist immer noch zum Warten vedonnert....Insbesondere ist es schwierig das "richtige" Feld für die Dame zu finden.
23...Dc8 Die c-Linie scheint Kramnik sicher zu sein - falls Weiß c4-c5 versucht kann Schwarz im Zentrum mit d6-d5 kontern (natürlich nach einem Tausch) Trotzdem gab Kramnik in der Analyse an, dass ihm dieser Zug Kopfzerbrechenbereitete!
24.b5?! Einer der Bauern muss nach vorne! Kasparov wählte die goldene Mitte, bezeichnete aber später diesen Zug als Fehler, denn dadurch entlässt er seinen Rivalen zu schnell aus der mörderischen Umklammerung. Beide Flügelvorstösse kamen in Betracht (24.a5 favorisiert von Kasparov, 24.c5 befürchtet von Kramnik) In Anbetracht solcher Unterschiede zwischen den Besten der Welt, ist man als kleiner Kommentator natürlich völlig überfordert!
[24.a5!? bxa5 25.b5]
[24.c5!? bxc5 25.bxc5 d5 26.Sb4 Sieht lästig aus für Schwarz.]
24...a5 25.Sc6 Lxc6 Nun geht der Bb6 verloren, doch Kramnik baute auf seine Chancen gegen den vorgerückten Bc6. In Betracht kommt aber auch eine passive Version :
[25...Td7 26.Ld4 e5 27.Le3 Und Weiß besitzt einen gemütlichen Vorteil - er kann seinen Angriff zum Königsflügel verlagern.]
26.bxc6 e5! Kasparov hatte diesen Zug übersehen und lobte ihn in den hoechsten Tönen - ich nehme an, dass er selber mit dem Vorstoss e4-e5 liebäugelte.....
[26...Se7 27.e5 dxe5 28.c5 Endlich werden die Linien für die Türme geöffnet.]
27.Lxb6 Se7 Die Stellung bietet beiderseitige Chancen - Schwarz kann davon ausgehen, den Bc6 zurück zu erobern (dann würden die schwarzen Felder gute Möglichkeiten bieten, während der Le2 ziemlich schlecht wäre); falls Weiß wie in der Partie c4-c5 versucht, um die Stellung zu öffnen, kann Schwarz mitels d6-d5 kontern.
28.c5 d5 29.Lxc7 Dxc7 30.Tb7! Weiß möchte sich den Ba5 vorknöpfen - dazu muss er zuerst die Dame von c7 vertreiben. Wenn Schwarz später nach Tb5 mit der Dame auf c7 zurückkehrt, pusht Weiß den c-Bauer!
30...Dxc6 31.Tb5 Sg6 Schwarz opfert einen Bauern, kann aber dann auf eine ordentliche Initiative hoffen. Andere Versuche würden dem Weißen eine gewaltige Initiative erlauben.
[31...Dc7 32.exd5 Sexd5 33.c6]
[31...dxe4 32.Sxe5 Dc7 33.c6]
32.exd5
[32.Txa5 dxe4 33.Sb4 Dc7 34.Tb5 exf3]
32...Sxd5 Diese Stellung sieht verheissungsvoll aus für Weiß - er möchte zuerst den Vorstoss e5-e4 verhindern und erst dann den Ba5 verspeisen. Es geht jedoch auch direkt:
33.Sf2
[33.Txa5 e4 34.fxe4 Txe4 35.Lf3 Td4 36.Sb2 Se5
(36...Sh4)]
[33.Tc4 Sgf4 34.Lf1]
33...Sgf4 34.Lf1 Se6 Nun beginnt eine taktische Auseinandersetzung - verstärkt durch die Zeitnot schlichen sich viele Fehler ein. Davon waren zumindest beide Akteure in der gemeinsamen Analyse nach der Partie überzeugt.
35.Txa5 Ein Qualitätsopfer, doch Weiß erhält dafür starke Freibauern. Eine richtige Entscheidung, um weiterhin um Vorteil zu kämpfen.
35...Dc7
[35...Sd4 36.Ta6 Dc7 37.Tb2]
36.Tb5
[36.De1 Se3]
36...Sd4 37.Tc4
[37.Tcb2 Sxb5 38.axb5 Tb8 39.Se4]
37...Sxb5 38.axb5 Tb8 39.b6?! Eine der letzten Entscheidungen in Zeitnot - Kasparov kritisierte diesen Zug ebenfalls, denn nun verflacht die Stellung.
[39.Sg4!? War möglicherweise eine brauchbare Alternative.
39...f6
(39...Txb5 40.Sxh6+ Kf8 (40...gxh6 41.Tg4+) 41.Sf5)
40.b6
(40.Db1)]
39...Sxb6 40.cxb6 Dxb6 Weiß verfügt hier noch über einige Gewinnchancen, obwohl der Vorteil natürlich gewaltig schrumpfte.
41.De1
[41.Kg1]
41...Tf8 Macht für mich keinen Sinn - wahrscheinlich ein Uebertragungsfehler! (Td8 erscheint plausibler)
42.Tc3 Tfc8 43.Txc8+ Txc8 44.Sg4 Te8 45.Ld3?! Weiß sollte sich zuerst um den König kümmern (h4 und Kh2), denn bald trifft ihn eine herbe Ueberraschung....
45...Dd4 46.Le4? f5! Leitet einen Angriff auf der Grundreihe ein, denn das Feld a8 wird nun für den Turm frei. Kasparov soll Berichten zufolge nicht glücklich ausgesehen haben......zum ersten Mal in der Partie übernimmt nun Kramnik das Ruder.
47.Lxf5 Ta8 48.Lb1 Db2 Und Schwarz erobert den Läufer - Kasparov hat sich jedoch ein ordentliches Polster zugelegt und kann doch noch die Stellung halten.
49.h4 Ta1
[49...h5 50.De4]
50.Kh2 Dxb1
[50...h5 51.Dxe5]
51.Dxe5 Dh1+ 52.Kg3 De1+ Schwarz kommt ohne Damentausch nicht aus, denn sein König ist zu offen. Das Endspiel dürfte mühelos Remis sein - doch offensichtlich geniesst Schwarz die Situation.....
53.Dxe1 Txe1 54.Kf4 Te2 55.Se3 g6 56.g4 Kf7 57.h5 g5+ 58.Ke4 Ke6 59.f4 Tf2 60.Sd5 gxf4 61.Sxf4+ Kf6 62.Ke3 Ta2 63.Sd3 Ta3 64.Ke4 Ta1 65.Kf4 Ta4+ 66.Kf3 Ta3 67.Ke4 Tb3 68.Sc5 Tb4+ 69.Kf3 Tb5 70.Se4+ Ke5 71.g5 Noch ein Einsteller?! Nein, denn der freie Bh6 verschafft dem Weißen das Remis.
71...Tb4
[71...Tb3+ 72.Kg4 Kxe4 73.gxh6 Tb7 74.Kg5]
72.Sf2 Tf4+ 73.Kg3

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