Kasparov, G. - Kramnik, V.
It (Astana KAZ), 2001
Kindermann


1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 4.O-O Einmal mehr nimmt Garri Kasparow den Fehdehandschuh auf und erlaubt die "Berliner Mauer" seines Kontrahenten, die er bisher in zahlreichen Anlaeufen kein einziges Mal einnehmen konnte. Der Uebersicht halber sind auch meine Kommentare zur Partie Schirow-Kramnik aus der achten Runde mit derselben Variante eingefuegt. Sxe4 5.d4 Sd6 6.Lxc6 dxc6 7.dxe5 Sf5 8.Dxd8+ Kxd8 9.Sc3 Das Thema ist vorgegeben: Ein "halber weisser Mehrbauer" auf der Koenigsseite sowie verhinderte schwarze Rochade gegen die Truempfe des Nachziehenden: Laeuferpaar und schwaechenlose, flexible Bauernstruktur. h6 10.h3 Ld7 11.b3 Ke8 eine Neuerung, bisher hatte Kramnik hier stets den Weg auf die "lange Seite" nach c8 eingeschlagen. Hatte er in seiner Partie gegen Schirow aus der achten Runde ein konkretes Problem entdeckt oder wollte er aus grundsaetzlichen Erwaegungen Kasparows Vorbereitung ausweichen? Tatsaechlich erweist sich in der Partie der Koenig auf e8 als recht ungluecklich postiert und der Weisse erhaelt zahlreiche taktische Chancen.
[11.Kc8 12.Lb2 b6 13.Tad1 Se7 eine typische Umgruppierung, der Springer ist auf dem Weg in eine bessere Zukunft. Die folgenden Ereignisse sind (zumindest fuer mich) bei knapper Analysezeit so undurchsichtig, dass ich mich erst wieder in der konkreten Schlussphase einklinke. 14.Se2 Sg6 15.Sg3 Sf4 16.Sd4 a5 17.a4 b5 18.Kh2 bxa4 19.bxa4 Sd5 20.Td3 Sb6 21.Te1 Sxa4 22.La1 c5 23.e6 fxe6 24.Sxe6 Ld6 25.Sxg7 Tf8 26.Kg1 c4 27.Tdd1 Lb4 28.Te3 Ta6 29.Se4 Tc6 30.Sh5 c3 31.Shg3 Te6 32.Tde1 Tfe8 33.Sh5 Tf8! beinhaltet eine teuflische Falle-verstaendlich, dass Schirow nun endlich den laestigen c-Bauern eliminieren moechte, der seinen Laeufer lahmlegt. 34.Sxc3?! Tc6! 35.Sxa4 Lxe1 36.Txe1 Txc2 Nun zeigt sich die Pointe, durch den Doppelangriff gegen a4 und f2 muss Weiss sich von seinem Springer trennen und verbleibt mit Minusqualitaet. 37.Ld4
(37.Sc3 Tfxf2 wuerde zum voelligen Zusammenbruch der weissen Position fuehren.)
37...Lxa4 38.Te5 Ld7?!
(38.Td8! erscheint deutlich staerker da Schwarz den gefaehrlichen a-Bauern behaelt. In diesem Fall verfuegt der Schwarze wohl ueber gute Gewinnchancen. 39.Le3 c5 40.Lxc5 Lc6)
(38.c5 39.Lxc5 Te8 40.Le7)
39.Txa5 Nun ist die Sache weniger klar. Tf5 40.Txf5 Lxf5 41.Le3 Lg6 mit etwas ueberraschendem Remisschluss, gefuehlsmaessig scheinen mir die schwarzen Chancen immer noch etwas vorzuziehen zu sein, vielleicht war Kramnik jedoch ueber die verpasste Chance enttaeuscht und vom schweren Kampf erschoepft!?. 1/2-1/2 Shirov,A-Kramnik,V/Astana KAZ 2001/[Kindermann] (41)]
12.Lb2 Td8 13.Tad1 Se7 14.Tfe1! ein sehr guter Zug, der sowohl in einigen Abspielen Opferwendungen auf f6 ermoeglicht, als auch die Kraft des spaeter folgenden Bauernopfers e5-e6 erhoeht. Sg6 15.Se4
[15.Sd4!? wird von Schipow in seinen ausgezeichneten Analysen auf www.kasparovchess.com als moegliche Verbesserung angeregt. Zunaechst droht 16.e6 Sf4 16.Se4 c5 17.Sf6+ In diesen Abspielen ist zum ersten Mal die Problematik des schwarzen Zentrumskoenigs zu erkennen. gxf6 18.exf6+ Se6 19.Sxe6 Lxe6 20.Txe6+ fxe6 21.f7+]
15...Sf4 16.e6! ein schoenes und thematisches Bauernopfer, das den Lb2 und den Te1 belebt und ausserdem das Feld e5 fuer die weissen Figuren raeumt. Sxe6 17.Sd4
[17.Le5!? stellt eine andere von Schipows Ideen dar. Tc8
(17.Le7 18.Lxg7 Sxg7 19.Sf6+)
18.Sh4 und Schwarz steht unter schwerem Druck, da er aus taktischen Gruenden weder f-noch g-Bauern anfassen darf. Es droht Sf5 oder auch f4-f5. f6? 19.Lxf6]
17...c5
[17.Th7 diese prophylaktische Verteidigung von g7 erscheint am besten, da nun der Laeufer von f8 ziehen kann. Weniger genau ist der andere Turmzug nach g8.]
[17.Le7 18.Sxe6
(18.Sf5!? Kf8)
18...Lxe6 19.Lxg7 Tg8 20.Sf6+ Lxf6 21.Lxf6 Td6]
[17.Tg8 18.Sf5 Lc8 19.Sxh6!]
18.Sf5 Th7 19.Lf6! nun setzt Kasparow auf kombinatorischem Weg die Energie seiner Stellung frei und erobert einen Bauern zurueck, wonach er wegen seiner wesentlich besseren Bauernstruktur ueber deutlichen Vorteil verfuegt. Tc8 20.Lxg7 Lxg7 21.Sxg7+ Txg7 22.Sf6+ Ke7 23.Sxd7 Td8 24.Se5 Txd1 25.Txd1 Sf4 26.Kh1 Das nun entstandene Endspiel ist sehr konkret und taktisch gefaerbt. Obwohl fuer beide Kontrahenten schwer zu spielen, ist es der Schwarze, der am Rande des Abgrunds balanciert.
[26.Kf1 Sxg2]
26...Tg5
[26.Sxg2? 27.Tg1]
[26.Txg2? 27.Sd3]
27.Sg4 Td5 28.Te1+ eine interessante Entscheidung, auf den ersten Blick erscheint auch das Springerendspiel vielversprechend, bei naeherer Betrachtung ist jedoch der bald entstehende schwarze a-Freibauer ziemlich unheimlich.
[28.Txd5 Sxd5 29.Sxh6 Sb4 30.Sf5+ Ke6 31.Se3 Sxa2 32.h4 b5 nebst ...a5]
28...Kf8 29.Sxh6 Td2
[29.Kg7 war nach Schipows Meinung praeziser. 30.Sg4 Td2]
30.Te5! ein starker Zug, statt sich um die Verteidigung zu kuemmern, fuehrt Kasparow einen energischen Gegenangriff. Txf2? Kramnik bricht unter Nerven-und Zeitdruck zusammen, unbedingt erforderlich war 30...Kg7.
[30.Kg7 und Weiss steht besser, aber die Partie ist noch nicht entschieden.]
31.Tf5 Diese Fesselung kostet eine Figur. Kg7 32.Sg4 Txg2 33.Txf4 Txc2 34.Tf2 Damit sind Partie und Turniersieg entschieden! Tc3 35.Kg2 b5 36.h4 c4 37.h5 cxb3 38.axb3 Tc5 39.h6+ Kf8 40.Sf6 Tg5+ 41.Kh1

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