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Kasparov, G. - DEEP JUNIOR
FIDE Man-Machine WC (New York USA), 26.01.2003

Runde 1 [Kindermann]


1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sc3 Sf6 4.e3 e6 5.Sf3 Sbd7 6.Dc2 Schon Kramniks Match gegen Fritz hat gezeigt, daß die Zeiten relativ primitiver "Anti-Computer" Eröffnungen vorbei sind. (Wie beispielsweise Stonewall im Anzug) Die ausgefeilten Eröffnungsbücher der modernen Programme lassen sich nicht mehr in völlig verrammelte Positionen mit Spiel auf ein Tor locken und es ist ihnen möglich, die objektiven Schattenseiten solcher Anti-Computersysteme aufzudecken. Statt dessen gibt es drei grundsätzliche Ansätze: 1. "Normale", aber ruhige, stark strategisch betonte Stellungen anzustreben, in denen die Rechenkraft des Programms keine sonderliche Rolle spielt. 2. Vereinfachungen und Endspiele herbeizuführen, die jedoch immer noch gewisses Potential beinhalten (dies war Kramniks Erfolgsrezept in seinen Gewinnpartien) 3. Scharfe und dynamische Positionen zu erreichen, die sich jedoch präziser Berechnung entziehen und in denen positionelle Faktoren eine beträchtliche Rolle spielen. Variante 3 ist sicherlich die anspruchsvollste und riskanteste, kann es doch jederzeit sein, daß die Bedeutung der Rechenkraft gegenüber menschlichem Gefühl für Dynamik die Oberhand gewinnt. Doch scheint Kasparow aus seinem gegen Deep Blue verlorenen Match eine klare Lehre gezogen zu haben: Dort hatte er Anti-Computer Positionen gesucht, die jedoch auch seinem eigenen aggressiven Stil nicht im mindesten entsprachen. Nun will er jedoch offenbar lieber seine eigenen Stärken voll zur Geltung bringen, statt sich darauf zu konzentrieren, die Möglichkeiten des Gegners zu beschneiden...
6...Ld6 7.g4 Eine sehr umstrittene und aggressive Fortsetzung, als deren Urheber Alexander Schabalow gilt. Weiß reißt sofort die Initiative an sich, muß dafür jedoch auch beträchtliche Risiken in Kauf nehmen.
7...dxc4 Dieser Zug war Kasparows eigene Wahl gegen Michael Adams!
[Schwarz verfügt über mehrere Alternativen:
7...h6]
[7...Lb4]
[7...Sxg4]
8.Lxc4
[8.e4 Verfrüht!
8...e5 9.g5 exd4 10.Sxd4 Sg4 11.h3 Sge5 12.Le3 Sc5 13.O-O-O Sed3+ 14.Kb1 De7 15.Tg1 g6 16.Lg2 O-O 17.Ka1 Lf4 18.Lxf4 Sxf4 19.h4 Td8 20.Dd2 Scd3 21.De3 Lg4 22.Td2 De5 0-1 Adams,M-Kasparov,G/Dortmund 1992 (22)]
8...b6 Ein recht modischer und flexibler Zug. Schwarz treibt seine Entwicklung voran und legt die Karten bezüglich der angestrebten Zentralformation noch nicht auf den Tisch. Doch hängt die Bewertung dieser Fortsetzung möglicherweise von den nach 9.e4 Lb7 10. e5 c5 entstehenden wilden Komplikationen ab.
[8...b5]
9.e4 e5?! Anscheinend positionell fragwürdig.
[9...Lb7 Sicher bin ich jedoch, daß Kasparow diese kritische Position schon genau unter die Lupe genommen hat...
10.g5
(10.e5 c5 11.exf6 Lxf3 12.fxg7 Tg8 13.Dxh7 Sf6 14.Lb5+ Ke7 15.Lg5 Lf4 1/2-1/2 Barsov,A-Kohlweyer,B/Porto San Giorgio 2002 (15).)
10...Sh5 11.Le3 b5 12.Lb3 a5 13.Dd2 O-O 14.Lc2 Sb6 15.Dd3 g6 16.O-O-O La6 17.Dd2 Sc4 18.De1 a4 19.Kb1 b4 20.Sxa4 Lb5 21.Sc5 Txa2 22.Kxa2 Da5+ 23.Kb3 Lxc5 24.Ta1 Sb6 0-1 Dao Thien Hai-McDonald,N/Budapest 1996 (24).]
10.g5 Sh5 11.Le3 O-O 12.O-O-O Dc7 13.d5! Nahe liegend und offenbar sehr stark. Nach der Öffnung des Zentrums ist insbesondere der schwarze Springer auf h5 sehr ungünstig platziert.
[13.Le2 exd4 14.Sxd4 Sf4 15.Kb1 Le5 16.h4 Sc5 17.h5 Sce6 18.g6 Sxd4 19.Lxd4 Le6 20.gxh7+ Kxh7 21.Lf3 Tad8 22.Le3 Txd1+ 23.Txd1 Td8 24.Se2 Txd1+ 25.Dxd1 c5 26.Dd2 Sxe2 27.Lxe2 Dd6 28.Dxd6 Lxd6 29.b3 Ld7 30.a4 Kg8 31.Kc2 f6 32.Lc4+ Kf8 33.h6 gxh6 34.Lxh6+ Ke7 35.Kd3 Le5 36.Le3 Ld6 37.Ld2 Lc6 38.f4 Ld7 39.Ke3 Lc6 40.Le1 Kf8 41.Lg3 Lb7 42.e5 fxe5 43.fxe5 Le7 44.Kf4 Ke8 45.Kf5 Lg2 46.Lb5+ Kd8 47.Ke6 Lf3 48.Lc4 Ke8 49.Lb5+ Kd8 50.Lc4 Ke8 51.Kf5 Ld1 52.e6 Lc2+ 53.Ke5 Ld1 54.Ke4 Kd8 55.Kd5 Lf3+ 56.Ke5 Ld1 57.Kd5 Lf3+ 58.Ke5 Ld1 1/2-1/2 Ward,C-Gausel,E/Copenhagen 2002 (58)]
13...b5?!
[13...Lb7 14.dxc6 Lxc6 15.Sb5 Lxb5 16.Lxb5]
[13...c5 stellt vielleicht noch das geringste Übel dar.
14.Sb5 Db8 15.Sxd6 Dxd6 16.Lb5]
14.dxc6 bxc4 15.Sb5 Dxc6 16.Sxd6 Der furchtbare Springer auf d6 lähmt das schwarze Spiel und gibt Weiß klaren Vorteil.
16...Lb7 17.Dc3 Tae8?! Bei einem Menschen würde man wohl von einer Panik-Reaktion sprechen!? Dieses Qualitätsopfer vereinfacht Kasparows Aufgabe wesentlich.
[17...Dc7 18.The1
(18.Dxc4? Dxc4+ 19.Sxc4 Lxe4 20.Txd7 Lxf3 21.Te1 f6 22.Txa7 Txa7 23.Lxa7 Tc8 24.b3 Ta8)
18...Tad8 19.Dxc4 Dxc4+ 20.Sxc4 Lxe4 21.Sfxe5]
[17...f6 18.Thg1 Grundsätzlich sollte Weiß seinen Königsturm noch aus der gefährlichen Diagonale a8-h1 entfernen, bevor er auf c4 zuschnappt.
(18.Dxc4+? Dxc4+ 19.Sxc4 Lxe4)]
18.Sxe8 Txe8 19.The1 Db5 20.Sd2 Tc8 21.Kb1 Sf8 22.Ka1 bereitet den Hebel b3 vor.
22...Sg6 23.Tc1 La6 24.b3! cxb3 25.Dxb3 Ta8
[25...De8 26.Txc8 Dxc8 27.Tb1]
26.Dxb5 Lxb5 27.Tc7 Eine drastische Niederlage für Junior, wird Kasparow dieses Tempo durchhalten?
[27.Tc7 a6 28.Tec1]


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