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Ponomariov, Ruslan - Adams, Michael
Linares International Tournament (Linares ESP), 04.03.2002

[Kindermann]


EROEFFNUNGSPRAXIS: SO SCHLAEGT WEISS DEN MARSCHALLANGRIFF
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.O-O Le7 6.Te1 b5 7.Lb3 O-O 8.c3 Sehr mutig und ein Zeichenfuer praezise Vorbereitung! Ponomariow laesst sich gegen den grossen englischen Marschall-Guru auf ein theoretisches Gefecht ein! Selbst Kasparow hat es meines Wissens nach noch nie gewagt, den Marschall-Fehdehandschuh aufzunehmen und seinem Besipiel folgend bevorzugen heute fast alle Spitzengrossmeister 8.a4, 8.h3 oder 8.d3
8...d5 9.exd5 Sxd5 10.Sxe5 Sxe5 11.Txe5 c6 12.d4 Ld6 13.Te1 Dh4 14.g3 Dh3 15.Te4 Dieser fue r den Uneingeweihten bizarr anmutende "Anti-Entwicklungszug" stellt derzeit einen der schaerfsten Versuche dar, dem Schwarzen Probleme zu stellen. In erster Linie soll der typische Laeuferausfall nach g4 verhindert und die Dame auf h3 vertrieben und beunruhigt werden. Um den wilden Turm zu zaehmen, muss Schwarz in der Hauptvariante seine Koenigsstellung ernsthaft schwaechen. In der Folge operiert Weiss haeufig mit positionellen Qualitaetsopfern-einen Bauern hat er ja schon und zumeist muss Schwarz beim Verspeisen des Turmes weitere Nachteile in Kauf nehmen. Dennoch galt bis vor kurzem die theoretische Hauptvariante als gut spielbar fuer Schwarz...
15...g5 Dies wird heute als bester Zug betrachtet. Schwarz verhindert radikal den Turmschwenk nach h4, der g-Bauer ist aus taktischen Gruenden vergiftet
[15...Lb7 16.Th4 De6 17.Sd2 f5 18.Dh5 h6 19.Sf3 Le7 20.Th3 c5 21.dxc5 Lxc5 22.Lf4 Tae8 23.Td1 Te7 24.Lg5 Td7 25.Te1 Db6 26.Te2 Kh7 27.Th4 a5 28.Lxh6 Dxh6 29.Dg5 a4 30.Te6 1-0 Leko,P-Adams,M/Dortmund 1999 (30)]
[15...Lf5?? 16.Th4]
[15...Dd7 16.Sd2 Lb7
(16...Sf6 17.Th4 Lb7 18.Sf3 Tae8 19.Lg5 Se4 20.Lc2 f5 21.Lb3+ Tf7 22.Lf4 1-0 Tal,M-Krogius,N/Leningrad 1971 (22))
(16...f5 17.Te1 f4 18.Se4 Dh3 19.De2 Lg4 20.Df1 Dh5 21.Ld1 Lxd1 22.Txd1 fxg3 23.hxg3 Txf2 24.Kxf2 Tf8+ 25.Kg2 Txf1 26.Txf1 De2+ 27.Sf2 Lxg3 28.a4 b4 29.cxb4 Lxf2 30.Txf2 Dg4+ 31.Kh2 Dxd4 32.Kg2 Sxb4 33.Ld2 Sd3 34.Tff1 Dg4+ 35.Kh1 h5 36.Lc3 h4 37.Tad1 Sf2+ 38.Txf2 Dxd1+ 39.Kh2 Dxa4 40.Tg2 Df4+ 0-1 Adams,M-Sokolov,I/Wijk aan Zee 1991 (40))
17.Te1 c5 18.Se4 c4 19.Lc2 Le7 20.Sg5 Lxg5 21.Lxg5 Tae8 22.f3 h6 23.Ld2 f5 24.Te5 f4 25.De2 Sb4 26.Txe8 Txe8 27.Le4 Sd3 28.Lxf4 Df7 29.Dg2 g5 30.Le5 Lxe4 31.fxe4 Sxe5 32.dxe5 Txe5 33.Td1 g4 34.Td6 Da7+ 35.Df2 De7 36.Tg6+ Kh7 37.Txg4 h5 38.Tf4 Kg7 39.Dd4 Kh7 40.Tf7+ Dxf7 41.Dxe5 1-0 Nunn,J-Sokolov,I/Wijk aan Zee 1991 (41)]
16.De2!? eine hochinteressante neue Idee, die allerdings auf weisser Seite bereits ein sehr prominentes Opfer forderte:
[16.Df3 Der theoretische Hauptzug, das letzte Duell auf hoechster Ebene sah jedoch den Schwarzen am Druecker:
16...Lf5 17.Lc2 Lxe4 18.Lxe4 De6 19.Lxg5 f5 20.Lxd5
(20.Ld3)
20...cxd5 21.Sd2 f4 22.Lxf4 Lxf4 23.gxf4 Ta7 24.Kh1 Te7 25.Tg1+ Kh8 26.Sf1 De4 27.Kg2 Dxf3+ 28.Kxf3 Te1 29.Th1 Te4 30.Sd2 Texf4+ 31.Ke3 Txf2 32.a4 Tg2 33.axb5 axb5 34.b3 Tff2 35.Sf3 Tb2 36.b4 Tgc2 37.Kd3 Tf2 38.Ke3 Tbe2+ 39.Kd3 Ta2 40.Ke3 Tae2+ 41.Kd3 Te4 42.Se5 Tfe2 0-1 Topalov,V-Adams,M/Sarajevo BIH 2000 (42)]
[16.Lxg5?! Df5]
16...Sf6 Der "ruhigere" Weg, den Turm zu bekaempfen
[16...f5 17.Te6?? Dieser "Fingerfehler" hat furchtbare Folgen. Unbedingt notwendig ist der Zwischentausch aufd5!
(17.Lxd5+! cxd5 18.Te6! Die taktische Begruendung fuer den weissen Damenzug, ueberhaupt macht in vielen Abspielen (siehe auch Partie!!) der emsige Turm eine erstaunliche Karriere. All diese extrem konkreten und dynamischen Ideen sind typisch fuer das moderne Schach, hier ist extreme Rechengenauigkeit, Risikofreudigkeit und praezise Vorbereitung unabdingbar!
18...Lxe6 (18...Lc7 19.Lxg5 f4 20.Th6 f3 21.Df1 Df5 22.Le3 Dc2 Atalik) 19.Dxe6+ Kg7 (19...Tf7 20.Sd2!) (19...Kh8 20.Lxg5! Hier zeigt sich der Unterschied, wegen der Drohung Lf6+ funktioniert der Turmzug nach e8 nicht) 20.Lxg5 Tae8 21.Dd7+ Kg8 22.Sd2 Dh5 23.Dxd6 Dxg5 24.Dxd5+ Atalik)
17...Lxe6 18.Dxe6+ Kh8 19.Dxd6 Tae8 20.Ld2 f4 21.Lxd5 cxd5 22.f3 g4 0-1 Smirin,I-Grischuk,A/Panormo Europapokal 2001 (22) Eine drastische Niederlage fuer den israelischen Supergrossmeister, Ponomariow jedoch liess sich von diesem Missgeschick nicht abschrecken...]
[16...Lf5 17.Sd2 Sf6 18.f3 Sxe4 Remis, Polgar-Onisch uk, Batumi 1999 Ein raetselhaftes Remis der kaempferischen Ungarin, die Stellung erscheint vielversprechend fuer Weiss
19.Sxe4 Lxe4 20.fxe4 Le7 21.Le3 Sax-Atalik Slowenien 2000]
17.Sd2! Und hier zeigt sich die positionelle Idee des weissen Konzepts: Der angegriffene Turm weigert sich, auf die Bedrohung zu reagieren! Fuer die Qualitaet wuerde Schwarz einen hohen Preis zahlen, ohne den Turm zu nehmen, kommt sein Angriff jedoch nicht so recht in Fahrt...
17...Lf5
[17...Sxe4 18.Sxe4 Le7 19.Lxg5]
18.f3! staerkt den Punkt e4 und schafft dem Koenig Luft. Gelegentlich muss Weiss allerdings auf Opfereinschlaege auf g3 achten. Das kuehne und originelle weisse Konzept beeindruckt mich wirklich: Ohne Entwicklung des Damenfluegels ueberlaesst er den Turm seinem Schicksal und setzt auf die Kraft seiner bereits im Spiel befindlichen Figuren sowie seine positionellen Truempfe. Angst und Kleinlichkeit kann jedenfalls selbst Kasparow dem jungen Ukrainer kaum vorwerfen!
18...c5!?
[18...Sxe4 19.Sxe4 Lxe4 20.fxe4 und Weiss hat kraeftige Kompensation fuer den Bauern]
19.Df2 c4?!
[19...cxd4!? dieser naheliegende Zug gefaellt mir deutlich besser, Schwarz sollte sicherlich versuchen, seine bessere Entwicklung zu nutzen und die Stellung zu oeffnen. Danach erscheint mir die Lage nicht sonderlich klar
20.cxd4
(20.Dxd4 Sxe4 21.Sxe4 Lxe4 22.fxe4 Tad8)
(20.Txd4 Lc5 21.Se4 Sxe4 22.fxe4 Lxe4 23.Lxg5)
20...Tac8 21.Te1]
20.Lc2 h6 stuetzt endlich den wunden Punkt g5
[20...Tac8!? 21.Sf1!?]
21.b3! Trotz schlechter Entwicklung und haengenden Turmes streng positionell: Ponomariow bricht die gegnerische Bauernkette auf. Vielleicht hatte Adams die Kraft des 24.weissenZugesunterschaetzt!?
21...cxb3 22.axb3 Tfc8 23.Lb2 Lb4?! 24.Te5! eine hervorragende Riposte, der heldenhafte Turm ist unterwegs zu neuen Taten
24...Lxc2 25.cxb4 Nun wird bald der Laeufer auf b2 zu furchtbarem Leben erwachen. Das weisse Konzept hat triumphiert, Ponomariow verfuegt ueber klaren Vorteil
25...Lg6 26.Tc5! ein schoner Stuetzpunkt. Inzwischen gelingt es der schwarzen Dame nicht, auf h3 irgendeine Wirkung zu erzielen
26...Te8
[26...Td8 27.d5! Sxd5 28.Dd4]
27.Sf1 Tad8 28.d5! Jetzt beginnt der lustige Teil fuer Weiss: Mehrbauer und klarer Positionsvorteil wegen der Diagonale a1-h8
28...Sd7 29.Se3! Stilgemaess-auch von hier laesst der Turm sich nicht verjagen. Sein Tod wuerde Weiss zwei uebermaechtige Freibauern verschaffen
29...h5 auf der Suche nach Gegenspiel...
30.f4! ein ueberraschender Schlag, jetzt soll der schwarze Laeufer kaltgestellt werden
30...h4
[30...gxf4 31.Dxf4]
31.f5 hxg3 32.hxg3 Lh5 33.d6 Te4 34.Tac1 Endlich noetigt die unangenehme Drohung Tc8 den Englaender, den Turm zu verspeisen-Gerne hat er es sicherlich nicht getan!
34...Sxc5
[34...Tde8 35.Tc8]
35.bxc5 Kh7 36.Lf6 die einfachste Loesung
[36.c6 Txd6
(36...Tde8 37.Dg2)
37.c7 Th6 38.Dg2!
(38.c8=D?? zeigt noch eine teuflische Falle:
38...Dh1+! 39.Kxh1 Lf3+ 40.Kg1 Th1#)
]
36...Tg8 kreativ, aber nicht ausreichend
37.d7 Th4 38.Dg2! Das Ende
38...Lf3 39.Dxh3 Txh3 40.Kf2 g4 41.Sf1 Th5 42.d8=D Txd8 43.Lxd8 Txf5 44.Se3 Th5 45.Lh4 eine hervorragende Leistung des FIDE-Weltmeisters!


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