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Ivanchuk, V. - Kramnik, V.
Amber Blindfold (Monaco MNC), 26.03.2002

Runde 9 [Lutz]


Zu den Überraschungen bei dem diesjährigen Amber-Turniers gehört sicherlich das schlechte Abschneiden von Vladimir Kramnik. Als der Favorit ins Turnier gegangen, krebste er die meiste Zeit an der 50%-Marke herum und hatte mit dem Turniersieg nichts zu tun. Eine der Gründe für dieses magerer Resultat ist auch die nachfolgende Blindpartie, in der Kramnik glatt gegen Ivanchuk unterlag.
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.O-O Le7 Zwar hatte Kramnik schon häufiger sich mit Schwarz gegen den Spanier verteidigt, aber er wählte entweder das Berliner-System 3...Sf6, die Onischuk-Variante 5...b5 6. Lb3 Lc5 oder den offenen Spanier 5...Sxe4. Die mit diesem Zug beginnenden "echten" geschlossenen Systeme hatte Kramnik erstmals in diesem Turnier angewandt (gegen Almasi und Leko, mit 1,5 Punkten aus 2).
6.Lxc6 Dieses Syst em ist seltener als die Hauptvariante 6.Te1. Weiß gibt das Läuferpaar auf, verschlechtert aber dafür die schwarze Bauernstellung. Dieses System gilt als nicht sonderlich gefährlich und führt zu etwas drögen Stellungen, aber Ivanchuk hat wohl darauf spekuliert, dass Kramnik sich mit dieser Variante noch nicht genügend vertraut gemacht hat.
6...dxc6 7.d3
[7.Sxe5?! Sxe4 bringt Weiß nichts ein. Da Weiß das Läuferpaar abgegeben hat, ist er an einer Öffnung der Stellung natürlich nicht interessiert.]
7...Sd7 8.Sbd2 O-O 9.Sc4 Der Druck gegen e5 zwingt Schwarz zu einer Entscheidung: Wie soll er den Be5 decken ?
9...f6 Die meistgespielte Reaktion, die allerdings die Diagonale e7-h4 verstellt und die weißen Felder leicht schwächt.
[9...Lf6 ist die prinzipielle andere Reaktion, die die genannten Nachteile umgeht, aber zu einer gewissen Verknotung der schwarzen Figuren führt. Die Partie könnte dann so weitergehen:
10.b3 Te8 11.Lb2 c5 12.h3 b5 13.Se3 mit verteiltem Spiel, möglicherweise mit leichtem weißen Vorteil.]
10.Sh4 Nutzt den letzten schwarzen Zug aus. Der Springer soll nach f5 und außerdem wird der thematische Hebel f2-f4 vorbereitet.
10...Sc5 11.Sf5!? Weiß will direkt das Läuferpaar zurückgewinnen.
11...Lxf5 12.exf5 In der entstandenen Stellung hat Weiß noch einen mikroskopischen Vorteil. Der Grund liegt darin, dass er den besseren Läufer hat und über das Feld e4 verfügt. Der Plan für Weiß besteht jetzt in den folgenden Zügen: Dg4, Le3, Sd2-e4 und dann f2-f4. Schwarz versucht dies natürlich zu durchkreuzen, sein Gegenplan ist der Abtausch des Be5 gegen den Bd3 mittels ...e5-e4. Um dieses Thema drehen sich die nun folgenden Züge.
12...Dd5 13.Dg4 Tfe8 14.Te1 e4? Schwarz versuch das strategisch wünschenswerte ...e5-e4 durchzustezen, aber dieses Vorhaben scheitert taktisch, da Weiß diesen Bauern abholen kann.
[14...Tad8 wäre der normale Zug, mit weiterhin leichtem Vorteil für Weiß.]
15.Se3 Das ist das Problem, die schwarze Dame kann den Be4 nicht mehr verteidigen bzw. erlaubt Fesselungsmotive.
15...De5
[15...Dd4 16.f3! nebst fxe4.]
16.Sf1! Lf8 17.Sg3 Jetzt ist der Fall des Be4 nicht mehr zu verhindern. Die einzige vage Hoffnung Kramniks auf Gegenspiel beruht darauf, dass der Ta1 und der Lc1 noch nicht entwickelt sind.
17...Tad8 18.h4!? Dieser Zug war nicht unbedingt nötig. Vielleicht wollte Ivanchuk einfach ein potentielles Grundreihenmatt ausschließen (in einer Blindpartie kann so etwas selbst den stärksten Spielern unterlaufen).
[18.dxe4!? war auch gut genug, um den Bauern einzuheimsen.. Dann ist
18...Sxe4 19.Sxe4 Dxe4 20.Txe4 Txe4!? (mit der unterirdischen Idee 21.Dxe4?? Td1+) wegen einfach
21.Lf4 nicht möglich.]
18...Dd4 19.dxe4 Dc4 Bekommt Schwarz noch Gegenspiel ?
20.Le3! Nein, Ivanchuk spielt sehr präzise.
20...Sxe4
[20...Dxc2 21.Tac1 , und der Sc5 geht verloren.]
21.b3! Schwarz hat zwar den Be4 zurückgewonnen, erleidet jetzt aber neue Materialverluste.
21...Dxc2 Andere Züge helfen auch nicht, die schwarze Dame kann nicht mehr den Se4decken:
[21...Dd5 22.Tad1]
[21...Db4 22.a3]
[21...h5 22.Df3]
22.Tec1 Dd3 23.Td1 Dxd1+ Schwarz gibt die Dame ab, da er ansonsten den Se4 verliert.
[23...Dc2 24.Txd8 Txd8 25.Dxe4]
24.Txd1 Txd1+ 25.Dxd1 Sxg3 26.Dd3! Schwarz ha t Turm, Figur und Bauer für die Dame, ein materiell ausreichendes Äquivalent. Dass er trotzdem auf verlorenem Posten steht, ist durch die schlechte Koordination seiner Fiuren begründet. Weiß kann nun mit der Dame nach f7 eindringen. Die Situation wäre völlig anders, stünde der schwarze Springer bereits auf d6.
[26.fxg3? Txe3 wäre deutlich schwächer. Schwarz könnte dann mit ...Ld6 und/oder Te7 seine Stellung halbwegs in den Griff bekommen.]
26...Se4 Nur noch ...Sd6, aber Weiß ist am Zug. Im Schach kann ein Tempo manchmal entscheidend sein.
27.Dc4+! Kh8 28.Df7 Td8 29.f3! Bevor Weiß den Bc7 verspeist, ist dieser Zug noch unbedingt nötig.
[29.Dxc7?? Td1+ 30.Kh2 Ld6+]
29...Sc3 30.Dxc7 Td1+ 31.Kf2 Kg8 32.Dc8! 32.Dxb7 ist auch nicht schlecht, aber Ivanchuk spielt konzentriert weiter bis zum Schluss. Es droht jetzt 33.Lc5.
32...Td5 33.Lc5! Trotzdem. Der Turm wird von der Grundreihe abgelenkt.
33...Txc5 34.De6+ Kh8 35.Df7! Die Pointe.
35...Se4+
[35...Ld6 36.De8+]
36.fxe4 Tc2+ 37.Kf3
[Vielleicht unterläuft Weiß ja der Fehler
37.Kg3? Ld6+ 38.Kf3 h6 , und Schwarz lebt noch. Aber Ivanchuk fällt auf so etwas nicht herein.]
37...Tc3+ 38.Ke2 Da der Läufer verloren geht, ist jeder weitere Widerstand zwecklos. Ivanchuk bestrafte den Fehler 14...e4? sehr präzise.Wie auf der offiziellen Turnier-Homepage zu lesen ist, verfiel der sonderliche Ukrainer nach dieser Partie gar in Freudengesänge !


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